QuasiMetafisico

                                 Literatur Verlag Bernhard Luipold

 

                                               

 

Home

 

 

Titel

 

 

Bestellen

 

 

García Lorca

 

 

Buenos Aires

 

 

Impressum

 

 

Obduktionsinstrumente

 

 

Der japanische Brief

Roman

ISBN 978-3-9811613-6-6     168 Seiten     Euro 13,95

 

 

Leseprobe aus Kapitel 1

 

Im Foyer des Konzerthauses traf sie auf eine Stimmung strenger Feierlichkeit, die sie sogleich erregte. Jede Unmäßigkeit in Bewegung oder Ausdruck würde registriert und verurteilt werden. Man war hier, um sich selbst und seinen kulturellen Standard zu zelebrieren, den man dadurch verteidigte, daß man sich diskret verhielt. Sie konnte sich nicht vorstellen, was Aaron hier erzielen wollte. Andererseits wußte sie nicht, was er spielen würde, immer noch nicht.

Erst jetzt, da sie im Programmheft blätterte, machte sie sich darüber Gedanken, welcher Art seine Musik sein würde. Unbestimmt hatte sie angenommen, seine Musikvorliebe entspräche dem Geschmack eines Liebhabers, wie es Heinrich einer gewesen war: Beethoven, Mozart, Haydn, eben was die Schublade eines Freundes des Klassischen hergab. Und klassisch bedeutete, wie ihr verstorbener Mann vertreten hatte, zeitlos, das, was überdauerte, was durch die raschen Wechsel der Moden nicht gefährdet werden konnte, was blieb als ewige Wahrheit und deshalb schön war – oder vielleicht so: was immer schön blieb und deshalb wahr war?

Den Namen, dessen Werke er geben sollte, Schönberg, hatte sie gehört, mehr aber nicht. Sie saß auf ihrem Platz, einem guten Rang, und fühlte, daß Aaron ihr erst jetzt gegenübertreten, daß er sich ihr nun zum ersten Mal zeigen würde.

Auf dem Podium stand ein einsamer Flügel, und kein Orchester versteckte sich im Graben. Fahrig fingerte sie noch einmal das Programm aus ihrer Handtasche, doch Susannes Heft klebte mit Hilfe eines alten Bonboneinwickelpapiers daran fest und fiel zu Boden. Die Fäden waren vom Alter mürbe und rissen beim Aufprall, die Bindung platzte, die Blätter flossen leise rauschend übers Parkett davon. Marianne ging in die Hocke und krabbelte bald zwischen den Beinen der erschrockenen Nachbarn herum oder ließ sich von pikierten Damen und amüsierten Herren von hinten und von vorn Blätter reichen, auf denen, von Kinderhand gezeichnet, schlitzäugige nackte Männchen unter einer roten Sonne posierten.

Kaum daß sie den, wie sie hoffte, vollständigen, Stoß Blätter verstaut hatte, betrat Aaron von der Seite her das Podium und verbeugte sich. Höflicher, zum Ende hin sogar ein wenig lebhafterer Beifall gab ihm das Geleit zu seinem Hocker. Marianne sah sich außerstande mitzuklatschen, da sie immer noch mit dem Verschluß der Tasche kämpfte. Als sie endlich die Hände frei hatte, senkte sich erwartungsvolle Stille über den Saal. Wie viele Jahre waren vergangen, seit sie zum letzten Mal mit Heinrich ein Konzert besucht hatte.

Erschöpft schloß sie die Augen. Seltsam leise, mit einem Ton, der aus der Luft gegriffen schien, und im weiteren ohne einer erkennbaren Melodie zu folgen, begann Aaron sein Spiel, das von einer Vielzahl von Pausen unterbrochen oder – vielleicht besser ausgedrückt, wie sie im stillen einräumte – gestaltet wurde.

Der erste Gedanke, den sie hatte, war: modern, das ist modern. Sie bemühte sich, aufgeschlossen zu sein. Sie lauschte mit Inbrunst, bis sie begriff, daß sie nicht auf ein aufflammendes Gefühl hoffen durfte, das sie aufnehmen würde und dem sie folgen könnte. Es war etwas anderes, das hier gespielt wurde. Manchmal fielen die Töne wie Tropfen aus unterschiedlicher Höhe. Und einmal antwortete eine Bodenwelle, über die eine Art Echolot strich.

Sie ertappte sich dabei, wie sie ihre Nachbarn – am besten geeignet waren schräg vor ihr sitzende – auf Reaktionen hin beobachtete. Aber alle schienen kundige Zuhörer zu sein. Zumindest gab sich niemand eine Blöße. Ihr hämisches Mißtrauen war ihr peinlich, und sie blickte rasch wieder nach vorn zu dem konzentrierten Aaron.

Er trug einen dunklen Anzug, und das Haar hing ihm in die Stirn. Wenn es besonders still wurde, gefiel es ihr am besten, es hatte dann etwas Meditatives, obwohl das sicher nicht gemeint war. Aber die dunklen Untertöne entwickelten nun einmal eine hypnotisierende Wirkung auf sie, während die höheren Töne in ihrer, wie es sich anhörte, willkürlichen Setzung, kaum daß sie erklungen waren, keinen Eindruck auf sie hinterließen.

Sie versuchte die Musik als Gesamtheit, als Klangkörper aufzunehmen, aber gerade das funktionierte überhaupt nicht. Nun betrachtete sie wieder Aaron und überlegte, was ihm diese Musik, vor allem sein Spiel sein mochte. Wo war Susanne? Wo bewahrte er sie auf? Hatte dieses Konzert etwas mit ihr, damit, daß er sie verloren hatte, zu tun, und wenn ja, was war es, worin zeigte es sich?

Marianne dachte an die Zeichnungen aus dem Schulheft und fragte sich, ob sie alle eingesammelt hatte, ob noch welche, von Füßen weggetreten, auf dem Boden verstreut lagen? In dieser Musik, fiel ihr auf, trat eine große Entfernung vom Körperlichen zutage, in den Blättern der kindlichen Susanne dagegen war alles körperlich, selbst das Symbol des kaiserlichen Japan, das etwas Matronenhaftes hatte. Doch wie konnte sie nur derartige Vergleiche anstellen. Aaron war ein Künstler und mühte sich auf seine Art um einen neuen Platz im Leben – wie ein Planet, der durch einen kosmischen Zusammenstoß aus seiner Bahn geworfen war, sich im interstellaren Raum eine neue suchen muß. Dabei kreuzt er die Bahnen anderer Himmelskörper und riskiert seinen Untergang, den Beobachter aus der Ferne als ein phantastisches Spektakel beschreiben würden. Diese Musik war klar, hell und deutlich – und ihr trotzdem ein Rätsel, vielleicht deshalb, weil sie Bedeutung suchte, obwohl es nur um Töne ging, ungewohnte Tonleitern hinab und wieder hinauf, in Stille mündend und daraus unromantische Kaskaden sprühend, Teilchennebel unter dem Mikroskop ihres Demiurgen.

Plötzlich weinte sie. Es war still geworden, als sei das Stück beendet – sicher handelte es sich schon lange nicht mehr um das erste, sie vermochte ja die Pausen in einem Stück nicht von denen nach einem solchen zu unterscheiden, und offenbar hatte sich das Publikum entschlossen, ebenfalls nichts zu riskieren und erst am Schluß zu klatschen –, dann war es aber doch perlweiß fortgeführt worden, in einem Hüpfen und Springen, ein ernstes Kind, dachte sie, das mit sich und seinem Springseil allein ist. Aaron wollte am Leben bleiben, das meinte sie aus seinem Spiel herauszuhören, er hatte keine andere Möglichkeit, als in dieser Sprache sich seiner Susanne mitzuteilen, es war ein neuer Anlauf zu einem Gespräch zwischen ihnen, zu einem Leben ohne sie, zu einem Leben, das ohne sie nicht denkbar war. Dann bring ich mich um.

Nachdem die Musik endgültig an ihr Ende gelangt war, die Menschen ohne Überschwang, aber respektvoll ihren Beifall gespendet hatten, Aaron nach knapper, fast harter Verbeugung von der Bühne gegangen war, der Saal sich schließlich geleert hatte, war Marianne sitzen geblieben, bis eine Schließerin die vermeintlich Eingeschlafene an der Schulter berührte und sagte:

"Das Konzert ist zu Ende." Überflüssigerweise fügte sie noch hinzu, "wir wollen auch Feierabend machen."

"Ja", sagte Marianne verwirrt, "selbstverständlich, entschuldigen Sie."

Sie griff nach der Lehne des Stuhles vor ihr. Auf dem Podium am Flügel lehnte Aaron. Sie hatte nicht bemerkt, daß er wieder hereingekommen war. Sie sah zu ihm hinauf, der eine Zigarette rauchte. Sie sahen sich an. Sie konnte seine Pupillen unter den schwerer gewordenen Augenbrauen nicht ausmachen. Alles war möglich. Das wußte sie. Immer noch war alles möglich.

Sie sah sich um, ob sie nicht vielleicht noch Blätter aus Susannes Heft auf dem Boden entdeckte. Aber da waren keine mehr. Langsam, mit wie suchend zu Boden gerichtetem Blick, ging sie die Sitzreihe entlang zum Gang an der Seite, wo die Schließerin wartete. Aaron stand immer noch da oben. Sie war so müde. Er würde warten müssen. Alle würden warten müssen. Sie ging zum Ausgang, verließ den Saal, ohne sich noch einmal umzublicken. Trotzdem brannte sich ihr dieses Bild ein, Aaron auf dem Podium, am Flügel lehnend und in den leeren Saal blickend, die Zigarette zum Munde führend, die Augen im Halbschatten.

 

 


 

  

                       

 

 © Bernhard Luipold Literatur Verlag