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QuasiMetafisico Literatur Verlag Bernhard Luipold
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Elefantengrund Roman ISBN 978-3-00-018180-1 288 Seiten Euro 16,95
Leseprobe Kapitel VI
Von den großen Weltereignissen während jener Jahre habe ich wenig mitbekommen. Was vor dem Zaun des Stützpunktgeländes vor sich ging, berührte einen kaum. Die Bordroutine wirkte wie eine Schutzimpfung. Je stärker man sich von ihr vereinnahmen ließ, desto besser arbeitete das Immunsystem. Wenn wir draußen vor den dänischen Inseln lagen und nichts zu tun war, wir etwa auf einen Befehl warteten oder der Alte meinte, unsere Gefechtsausbildung vertrüge ein Bonbon, warfen wir Anker und leere Bierkisten außenbords. Der Artilleriemaat öffnete die Waffenkammer und ließ das Maschinengewehr, ein paar Uzis, G3 und P1 an Oberdeck bringen. Dem Alten von jeder Sorte ein Exemplar auf die Brücke – außer dem MG, das die Jungs auf der Back aufbauten, von wo sie freies Schußfeld hatten. Der Rest wurde achtern aufgeteilt, und bald wurde wie verrückt nach den abtreibenden Kisten und Bierflaschen geballert. Die Waffenmaate hatten formal die Aufsicht, griffen aber selber gerne nach den Knarren, und so vertraute man wohl eben darauf, daß vor dem Verstand die ausgegebene Munition ausging und die im Dunst herumschippernden Fischkutter brav jenseits unseres Schußkreises blieben. Der Alte thronte in seinem Drehsessel. Er hatte seine abgeschabte meergrüne Lederjacke und die Lederhose an, die speckige, ehemals weiße Kommandantenmütze auf dem Ohr, die Absätze der Fellstiefel gegen das Brückenschanzkleid gestemmt, nicht zu vergessen die Sonnenbrille auf der Nase. Die Büchse an der Backe, dauernd den Artillerie-Maaten nach Munition herumhetzend, knallte er die Möwen aus der Sonne, und der Schmatting, das war die Oberziege, der Chef des seemännischen Personals, ein Bootsmann, murmelte: „Sauerei so was, die Schietvögel schießt man nicht, bringt nichts als Unglück“, und wandte sich kopfschüttelnd ab. Für ihn war unser Alter kein rechter Fahrensmann. Die Möwen und die Seelen der toten Seeleute waren voneinander nicht zu unterscheiden, die ließ man in Frieden. Selbst wenn dir so ein Geier in den Kragen schiß, fiel dir sicher bald ein Grund ein, und du schieltest vorsichtig hinauf, ob der olle fette Smutje Kalle, der vor ein paar Jahren, als deiner Heckmannschaft beim Anlegen die Fender ausgerauscht waren, ganz dumm zwischen Tanker und Kaimauer geplumpst war, die Kurve kriegte oder mit noch einer Ladung im Anflug war. Gewiß konnte einem die öde Bewacherei der GCs, der German Communists, auf die Nerven gehen. Zum Beispiel der legendären Krake, das war die Typenbezeichnung für den Nachbau eines Weltkriegs-Minensuchers mit klassischer Kesselfeuerung und entsprechender Qualmentwicklung, wenn sie Fahrt aufnahm, die zu nichts mehr taugte als zur Ausbildung oder dazu, sich im Fehmarn-Belt vor Anker zu legen, den durchgehenden Schiffsverkehr zu registrieren und an die eigene Flottenzentrale zu melden. Unser Geschwader teilte sich mit denen von Olpenitz und Kiel die Gegenaufklärung. Man fuhr hin und legte sich daneben oder umkurvte die Insel und schloß Wetten darauf ab, ob man bei Unterquerung der Vogelflugbrücke über den Fehmarn-Sund mit dem Expreß nach Kopenhagen kollidierte, was den Wachhabenden eine Kiste Bier für die Brückenbesatzung kostete, weshalb der Alte auch regelmäßig, wenn die Konstruktion in Sicht kam, das Kommando an einen der Offiziere abtrat – mit Vorliebe an den IIWO, einen Abstinenzler, den man jeden Abend zwang, das Einlaufbier zu trinken, der dabei immer ganz bleich wurde und schon nach Kotze roch, bevor es ihm hochkam. „Ich glaub, mein Schwein pfeift“, gestattete sich der Schmatting, der auf der Brücke das Messingputzen überwachte, zu bemerken, als der IIWO auf der Pier mit einer Braut in Sicht kam, ihr Händchen in seinen steif abgewinkelten Ellenbogen eingehängt. Die einen hatten auf griechisch-römisch getippt und ihn schon dem Vorschiff anempfohlen, wo unsere anders gepolten Kameraden sich gefunden hatten, düstere Parties gaben und an manchem dienstfreien Abend verdächtig früh die Vorhänge an den Kojen schlossen. Manche hatten hinter seiner Indifferenz auch einen Eunuchen vermutet und umschrieben damit Triebschwäche bis zur anatomischen Geschlechtslosigkeit. Ein wesentliches Signal aber, und so fällig wie die gelbe Flagge, hatte man die Pest an Bord, das in einer Männergesellschaft wie der unseren unbedingt gesetzt werden mußte, war der sexuelle Selbstbehauptungswille. Wer den nicht bringen konnte oder wollte, bekam die allgemeine Häme zu spüren, worunter auch die sadistischen Lüste unseres Alten fielen. Insofern, man erinnert sich an eines Schöngeistes Worte, war die Armee in der Tat die Schule der Nation. Dort lernte man Mann sein oder begriff, was einem blühte, wenn die anderen mitbekamen, daß man keiner war. Weshalb aus dem Verein eine Menge Lügner nach Hause zurückkehren. Der IIWO gehörte aber sicher nicht dazu. Der war schon davor ein krummer Hund. Keiner bedauerte den. Der war, trotz kleiner, bleicher, unscheinbarer Frau am Arm, die ja auch ihn als Mann ausweisen sollte, ein Fisch mit kalten Augen, kannte keinen Spaß, taxierte jeden stumm und sprach seine Strafen aus oder, wo er es nicht selber wagte, machte Meldung über jeden Socken, der nicht der Dienstvorschrift entsprach. „Was will so ein Bubi mit Männern auf dem Meer?“ hieß es, wenn er weg war. Hätte sich besser eine Jolle kaufen und alleine, von uns aus auch mit seinem Fischweib unterm Arm, die Badewanne rauf- und runterjockeln sollen. Ja, man genoß es, wenn er sich verbog und bat, statt des Bieres einen Saft trinken zu dürfen, und die Runde feixte, der Alte schmetterte: „Affjelehnt!“ und hob seine Pulle vor die Brust, „ex!“ Und alle soffen und der dumme Teufel eben auch, um anschließend an Deck zu stürzen und von der Nock zu speien, was unseren Funk-Maaten, den narbengesichtigen Charly, der immer am Niedergang leunte, um rasch ins Funkschapp raufzutörnen, wenn er es piepsen hörte, hinterherzukrächzen animierte: „Stüerborrd, Leftennent, bäckborrd leit der Taiger!“ Das war unser Nachbarboot im Päckchen. Wenn das Wetter annehmbar war, wenn man angeln konnte, der Alte gute Laune hatte – was zu Kommentaren führte wie „hat sie ihn endlich mal wieder rangelassen“, dagegen bei schlechter, „arme Sau, hat sich wohl wieder selber einen von der Palme wedeln müssen“ –, kurz, wenn das Deutschland mit dem Alleinvertretungsanspruch gut regiert wurde, war das Ganze nicht mehr als eine Art Badeausflug. Wir lagen, sofern ohne besondere Aufgaben, weitgehend entblößt, doch sonnenbebrillt, an Oberdeck, hatten eine Bierpulle in der Faust, eine Kippe in der Schnauze, an einem Auge das schwere Marineglas, achtern zogen sie, anstatt der üblichen Dorsche, auf einmal Makrelen raus, „wej sen en em Schwoarm!“, röhrte Redface und teilte weitere Ruten aus, und der Alte freute sich, weil er die erste frisch gebratene kriegen würde und sich dazu gewöhnlich einen mehrstöckigen Aquavit gönnte. Und drüben, wir sahen sie ja, die kommunistischen Preußen, in vollem Leinen beim Zeugdienst oder Rostklopfen, von wegen Bier oder Angeln, da war höchstens strammer Max in der Kutte angesagt und vorsichtig reiben, wenn der Schmatting einem anderen die Eier schliff. Natürlich war unser Treiben nicht als nackter Eigennutz aufzufassen. Das war lupenreine psychologische Kriegführung, denn je heftiger wir die laschen Typen rauskehrten, desto rasanter verfiel drüben die Moral. Und der Alte sorgte dafür, daß sie es mitbekamen. „Backbord zwanzig, Kleine Voraus“, und die Diesel tuckerten und schoben uns ein paar Faden näher, bis wir uns wieder treiben lassen konnten, um nach fünfzehn Minuten erneut ranzuschieben. Mitunter bekam der Alte einen Einfall und rannte herum, um uns von Mund zu Mund, damit der Gebrauch der weittragenden Lautsprecher vermieden wurde, seinen nächsten Anschlag auf das rote Bollwerk zu verklickern. Wenn er sicher war, daß wir alles verstanden hatten, stieg er zurück auf seinen Hochsitz und ließ sich von Pibi die Leica reichen. Ich mußte hinunter in den Plotraum und die notwendigen Schaltungen vornehmen, und kaum war ich den Niedergang wieder heraufgeklettert, schnalzte der Alte in das Mikro, um die Mannen, die weiterhin fröhlich in der Sonne fläzten, vorzuwarnen. Er drückte eine Taste und schaltete die Anlage auf Plattenspieler, den ich unten in Betrieb genommen hatte. Einem Tieffliegerüberfall zum Verwechseln ähnlich jaulten die Lautsprecher auf, und der Marquis von Kensington dröhnte zwischen den feindlichen Brüdern übers Wasser. Unsere Besatzung, soweit an Oberdeck, vollführte sofort und aus dem Stand Sätze in die Höhe wie ein Rudel Stabhochspringer beim stablosen Training auf dem Mond, denn der Alte hatte eine paar Buddel Freisuff ausgelobt, das johlte, hüpfte, wälzte sich in Krämpfen, ein Voodoo-Schamane, dem sich der Klabautermann vorstellt, war nichts dagegen – da drüben schaukelte ja auch unser spezieller Teufel, und wir zeigten ihm, wozu der Freie Westen imstande war. Das waren die harmloseren Veranstaltungen, die drüben sicherlich die Meinungen spalteten. Den Mannschaften mochte es ja gefallen. Sie sahen nicht, daß hinter unserem laschen Äußeren viel Verdruß und Unsicherheit steckte. Die Offiziere dagegen fühlten sich womöglich ideologisch noch bestärkt. Das, was wir boten, waren nicht die Mittel, die Soldaten ihrer Vorstellung zum Einsatz bringen sollten. Jedoch konnten wir auch anders. Undurchschaubar war unseres Alten Gemüt. Mit einem Schlag konnte sich alles ändern. Ging ihm etwas nicht schnell oder präzise genug oder war er lediglich im Tran vom Abend vorher, war es möglich, daß er vor der Gegenseite den harten Hund markierte. ABC-Alarm war eines seiner Lieblingsspielchen. Das bedeutete Schwimmwesten um, ABC-Schutzmaske auf, Stahlhelm drüber, und dann ließ er die Rollen üben. „Mann über Bord!“, „Tiefflieger von Backbord!“, „Feuer in der Maschine!“, „Volltreffer in der Kombüse!“ und so weiter – und am liebsten alles zur gleichen Zeit. Wir rannten rauf und runter, aufs Vorschiff und nach achtern, schleppten Gerät, das jeweils zu den Rollen gehörte, keuchten und schwitzten unter den Masken, die Halteriemen der Schwimmwesten rieben den Schritt wund, und wer das Pech hatte, bei Feuer im Schiff zur Löschmannschaft zu gehören, durfte sich noch die schweren Sauerstoffflaschen auf den Rücken schnallen, die ABC-Maske mit der anderen tauschen, und in dieser Aufmachung in engen Röhren und in Kabelschächten klaustrophobischen Ambitionen frönen. Aber gut, mit diesen Sachen hatte man zu rechnen. Der Ernstfall war eine Möglichkeit, an der eine Menge kluger und kompetenter Leute mit Nachdruck arbeiteten, und wir wollten schließlich nichts weiter als darauf vorbereitet sein. Und was eine Harke ist, zeigten wir diesen falschen Deutschen auch zuweilen. Mag sein, daß es sogar an dem Tag war, jedenfalls um den Dreh herum, da wir, übern Fraß gebeugt, die Neuigkeit im zur Mittagszeit ständig laufenden Radio vernahmen, ein Komitee in Oslo habe diesem Willy Brandt den Friedensnobelpreis reingeschoben. Bei den Unteroffizieren im Plotraum ungläubiges Gelächter – „diese dumme Sau kassiert auch noch für den Ausverkauf Großdeutschlands“ – und empörtes Gemurmel aus der Kommandantenkammer, die mit dem Plotraum durch einen kurzen, offenen Gang verbunden war und in der die Offiziere ihre Mahlzeit pickten. Allen war der Tag verhagelt. Listig bezog der Alte jede Kleinigkeit in sein Kalkül ein. Kalt musterte er den alten Kasten durch sein Glas. „Wie lange liegt der jetzt vor Anker?“ fragte er den Funker, der ihm eine FT-Meldung herausreichte. „Was meinen Sie, IWO, wie lange braucht der, um Dampf aufzumachen?“ Der IWO wußte natürlich nichts, aber schwafelte irgendwas. Der Schmatting, in seemännischen Dingen beschlagener, meinte bedächtig: „Normalerweise eine halbe bis eine Stunde“, daß es aber ein Notverfahren gäbe, was jedoch die Kessel ziemlich strapaziere. „Navigation, die Karte!“ Jetzt klebte er gefechtsgeil in seinem Stuhl, kein Gedanke, die drei Schritte hinunterzugehen, so daß Pibi sein Gerät von der Karte fegen und das kostbare Stück ins Freie zerren mußte. Mit dem Finger zeigte er dem Alten den winzigen, mit spitzem Bleistift eingezeichneten Anker, welcher den genauen Ort der Krake auswies. Wir waren gespannt, denn alles deutete auf eine neue Schweinerei des Alten hin. Der Befehl „Alle Mann unter Deck!“ wurde ausgegeben, so daß nur die gefechtsmäßig eingeteilten Rollen das Schauspiel von der Brücke aus verfolgen konnten. Gefechtsmäßig hieß aber nicht, daß Pibi oder ich oder Charly sich die Sache hätten entgehen lassen müssen. Wir waren sogenannte Funktionäre und konnten abwarten, wie fett sich die Laune des Alten noch entwickelte. Nun änderte der plötzlich seine Meinung, was die übrige Besatzung anging. „Alle Mann auf Gefechtsstationen! Geschütztürme bemannen!“ Wir lagen vom potentiellen Gegner so weit ab, daß unser Manöver als harmlose Übung durchgehen mußte – oft genug hatten wir es ihnen vorgeführt. „Bereitschaftsmunition fassen!“ Auch kein ungewöhnlicher Befehl. Wir lagen in der Ostsee einer Übermacht von 30:1 gegenüber, und hatten heldenhaft auf alles gefaßt zu sein. Die Vorbereitungen waren getroffen. Wir trieben unsere Seeausbildung, und die drüben klopften Rost oder machten Unterricht in Histomat, Diamat und in Marxismus-Leninismus sowieso. Zu Beginn der Operation lagen wir, wie das Radar zeigte, direkt auf dem Radius der Dreimeilenzone um die Insel Fehmarn, die Krake peilte in 0-0-0 und lag genau eine Meile außerhalb vor Anker. Die Sonne stand schon tief am kalenderbezogenen 7-p.m.-Punkt im Westen über der Kieler Förde, weshalb die Borduhr sich keine Blöße geben konnte und dasselbe zeigte. Als wir Fahrt aufnahmen, bewegten wir uns auf der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks vom Punkt B zum Punkt A, während die Krake in C, im Schnittpunkt des rechten Winkels lag. „Große Voraus, Backbord sechzig“, murmelte der Alte. Wir entfernten uns. Zunächst lag die Krake ja Steuerbord querab und wanderte jetzt flott achteraus. Die Entfernung, ursprünglich etwa eine Meile, vergrößerte sich rasch. Sobald Punkt A erreicht war, peilte die Krake in genau 0-9-0. Für die Besatzung der Krake waren wir der hinter uns stehenden Sonne und der gleißenden Wasseroberfläche wegen kaum auszumachen. Immerhin hatten sie uns auf dem Radar. Doch ihre Operatoren hatten den Auftrag, sich um die Kontakte nördlich zu kümmern, die Passierfahrer anzeigten und die sie zu melden hatten. Falls sie uns überhaupt beachteten, würde unser Kurs sie sogar vermuten lassen, wir wären abberufen worden und hätten Befehl, die Flensburger Außenförde anzusteuern. Um 7:05 p.m. standen wir auf Punkt A. „Hart Steuerbord! Auf 0-9-0 gehen! Viermal Große!“ „0-9-0 liegt an.“ „A K!“ A.K., das bedeutete Alle Kraft, manche meinten Äußerste, aber an die Grenzen ging man mit unserem anfälligen Kätzchen lieber nicht mehr, wir fuhren also die Diesel damit nicht voll aus, doch es reichte, um eine mächtige Bugwelle vor uns aufzubrechen. Auch wenn die Sonne noch hinter uns stand, unser weißer Bart würde uns verraten. Was würden sie jetzt denken? Ob wir etwas vergessen hatten und es uns holen kamen? Für die ein wenig kürzere Kathete brauchten wir kaum drei Minuten. Rasch sprang ich in den Plotraum hinunter und besah mir die Lage auf meiner eigenen Karte, von der ich jedoch erst einmal den Kopf des schlafenden Köhler schieben mußte. Natürlich hatte er nicht, wie aufgetragen, mitgeplottet. Der Wärme, die das Radargerät verbreitete, und dem auf wenige Lux heruntergedrehten Licht hatte so ein nächtens streunender Kerl wie der wenig Widerstand entgegenzusetzen. Schnell begriff ich, was der Alte vorhatte. Wieder oben. Steil stieg die Krake vor uns auf. Anstatt des im letzten Krieg verwendeten vollgepanzerten Zehn-Zentimeter-Geschützturms auf der Back, war sie mit einer freistehenden russischen Doppel-Siebenzweiundsechzig ausgerüstet. Ein Treffer dieser circa zwanzig Kilo schweren Geschosse würde unser Holzrumpfboot in einen Haufen Splitter und eine Windhose Sägemehl verwandeln. „Viermal Große! Große!“ Wir nahmen etwas Fahrt heraus. „Hart Steuerbord!“ Unser Bug zog herum, bis ihr Bug links lag. Wir passierten sie von vorn nach achtern. Jetzt bekam sie unsere angeschobene Bugwelle zu spüren. Heftig stieg das Vorschiff auf, der schwarz geteerte Unterwasserkörper zeigte sich. Ihre Brücke kletterte in die Wolken. „Hart Backbord!“ Wir gingen um ihr Heck herum, kaum zwanzig Meter hinter ihnen. Wir starrten den Kartoffelschälern vor der Kombüse in die Augen. War der Krieg ausgebrochen, und hatte ihr FT versagt? Wir zogen ihre Steuerbordseite hinauf. Einige waren an die Reling gesprungen, um sich festzuhalten. Ihr Kahn begann nämlich zu tanzen. Der Alte zog den Kreis ein wenig weiter, damit er die Geschwindigkeit wieder erhöhen konnte. Unsere Schrauben wühlten einen Schaumkreisel auf, unser schnittiger Bug warf eine künstliche Brandung, und im Zentrum des Strudels lag die schwerfällige Krake an der Ankerkette, die ihre sich nun fatal anwachsende Last nicht unbegrenzt halten und irgendwann brechen würde. Auf meiner Karte hatte ich gesehen, daß die Strömung die Krake, die knapp vor dem Inselschelf geankert hatte, ohne Anker oder Fahrt im Schiff, binnen kurzem auf Grund zutreiben würde. Eine böse Sache. Eine perfide Aktion. Würde der Kommandant drüben den Kopf verlieren und die Geschütze besetzen lassen? War das der Plan? Er mußte sehen, daß wir vorbereitet waren. Würde er „Auf Gefechtsstationen!“ geben, würden wir „Ziel auffassen!“ vorlegen, und unsere Rohre würden sich einrichten. Würde er ebenfalls schwenken lassen, müßte bei uns logischerweise der Feuerbefehl folgen. Denn aus der Entfernung wäre die erste Granate dieses Kalibers unser Ende, und daß die drüben es bei einer bloßen Drohung beließen, durften wir nicht riskieren. Unsere zwei Vier-Zentimeter-Bofors-Maschinenkanonen mit einer theoretischen Feuergeschwindigkeit von 240 Schuß in der Minute würden die feindliche Geschützbesatzung unter Feuer nehmen und binnen Sekunden von ihren Plätzen fegen. War der Alter tatsächlich zu einer solchen Idiotie bereit? Hatte er diese Konsequenzen überhaupt bedacht? Oder trieb er nur ein gefährlich dummes Spiel, um sich, wenn es ernst wurde, rasch aus dem Staub zu machen? Drüben schrillte die Dampfpfeife. Sie blinkten uns mit ihrem Signalscheinwerfer an. „Nicht mitlesen“, befahl der Alte und beobachtete die Aufregung drüben gelassen durch sein Marineglas. „Sie versuchen, Dampf aufzumachen“, sagte der Schmatting, das Gesicht noch sorgenzerfurchter als sonst. „Müssen sie ja wohl“, lachte der bescheuerte IWO, und die drei Ausgucks in der Wanne lachten auch. „Ruhe auf der Brücke“, brummte der Alte. Wir zogen Bahn um Bahn, Kreis um Kreis um die immer heftiger an ihrer Kette zerrende Krake. Ununterbrochen pfiffen sie drüben. Verschiedene Klingelzeichen trieben die Besatzung über die Decks. Sie brauchten zehn Minuten, bis eine erste Hecksee Schraubenumdrehungen anzeigte. „Erstklassig“, zollte der Schmatting leise Respekt. „Mit dem alten Bock.“ Kurz darauf nahmen sie den Anker auf. „Steuerbord dreißig“, gab der Alte. Wir entfernten uns nach Norden, gingen später, als die Krake ebenfalls nördlich steuerte, auf einen östlichen Kurs und legten uns in etwa drei Meilen Entfernung auf die Lauer. Der Kommandant der Krake ließ sich auf nichts ein und begann, im Fehmarn-Belt zu kreuzen, um, wie bekanntlich sein Auftrag lautete, Schiffsbewegungen zu melden.
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