QuasiMetafisico

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Jagd in der Dämmerung

Roman

ISBN 978-3-9811613-0-4     170 Seiten     Euro 13,95

 

 

Leseprobe Kapitel 10 "Die Schwester"

 

Schließlich nahm mich ein Fernfahrer mit. Er hieß Raoul und erzählte Geschichten aus der Zukunft. Auf der Ablage stapelten sich Science Fiction- und Fantasy-Heftchen.

„Weißt du“, verriet er mir, „es ist möglich, daß du schon lange nicht mehr lebst oder nie gelebt hast, es ist doch vorstellbar, daß du nur die Vorstellung oder der Traum, vielleicht sogar der Alptraum eines anderen bist oder daß du längst vermodert bist, irgendein geschickter Hund aber deine Leiche gefleddert hat, wer weiß, vielleicht hast du sie ihm sogar zu deinen Lebzeiten noch vermacht, und er hat Teile deiner noch schwach vorhandenen Gehirnströme verstärkt, deine Seele, könnte man sagen, und sie auf eine Reise geschickt, entweder nur so, zu seinem Vergnügen, oder weil er damit etwas ausprobieren will, in Wahrheit existierst du nur als ein Energiefeld, das sich mit anderen Energiefeldern herumschlägt, bis dir die Energie wieder entzogen wird und du verpuffst wie eine kleine Knallgasexplosion“, er lachte, „oder nimm mich“, fuhr er fort, „ich denke, ich bin ein ganz gewöhnlicher oder normaler Mensch, mit allem dran, was einen Mann ausmacht, wenn ich an einer Raststätte anhalte, steige ich aus und gehe pissen und scheißen, und manchmal dusche ich auch und kaufe mir anschließend eine Cola und einen Hamburger, steige wieder ein und fahre weiter, wenn ich Lust dazu habe, nehme ich mir so eine Puppe mit, so ein minderjähriges Gör, wie sie da überall herumstehen, du weißt schon, und fahre mit ihr auf einen Parkplatz und steige mit ihr nach hinten in die Koje und gebe es ihr, wie ich es brauche, und dafür lasse ich sie dann da wieder raus, wo sie glaubt, unbedingt hinzumüssen, das alles findet also statt, und ich würde schwören, ich habe es gemacht und erlebt und werde es auch wieder tun, Tatsache aber ist, daß nichts davon passiert, nichts, verstehst du, in Wahrheit sitzt mein Chef in seiner Zentrale und schickt mir die annehmlichen Sachen, diese wohltuenden Körpergeschichten, die mich spüren lassen, daß ich noch lebe und mehr bin als so ein Anhängsel von dieser Karre, schickt sie mir direkt in meinen Kopf hinein, und ich glaube, es passiert, daß ich die Titten von der Kleinen in der Hand habe, daß ich meinen Schwanz in sie reinschiebe und daß mir einer abgeht wie aus einer Parabellum, verstehst du, ich glaube das, aber Tatsache ist, ich fahre, nur das tue ich, fahren für den Boss, ich habe gar keine Beine, keinen Schwanz, keinen Arsch, überhaupt keinen Unterleib, ich habe nur meine Arme für das Lenkrad, meinen Kopf mit den Augen drin, ein bißchen Verstand, der gerade ausreicht, die Maschine zu beherrschen, alles andere bilde ich mir ein, vielmehr, das bildet man mir ein, und für den Chef ist es ja auch viel profitabler, wenn ich nur noch der reine Kontrolleur seiner Maschine bin.“

In der Nähe der nächsten größeren Stadt ließ ich mich absetzen, und mit Taxi, Bus und Eisenbahn erreichte ich am nächsten Nachmittag die Hauptstadt. In meiner Geschichte über einen Künstler, die mir ja nicht mehr gehörte, die ich ihm geschenkt hatte, damit er mich für alle Zukunft in Ruhe ließ, hatte der Protagonist, um seinen Plan, aus dem Land zu verschwinden, in die Tat umsetzen zu können, einen bestimmten Bahnhof aufsuchen müssen, von wo aus die Züge nach den Nordprovinzen, wie es geheißen hatte, abgingen. Ich fuhr zum Zentralbahnhof und studierte den Fahrplan, und wie es der Zufall wollte, stand der Zug über Biarritz und von dort nach Paris bereits auf dem Bahnsteig. Ich löste einen Rückfahrtschein und machte, daß ich an Bord kam.

Die Abteile waren überfüllt. Was war eigentlich für ein Wochentag? Ich hockte mit anderen auf dem Gang. Manchmal kam es zu einer Unterhaltung. Sport und Politik. Das Wetter war einem im Zug ziemlich egal. Im Gegensatz zum gerade wieder gut gefüllten Jackpot der staatlichen Lotterie. Oder zur Aufdeckung der kriminellen Machenschaften des Präsidenten von Atletico. Alle wußten darüber Bescheid, daß er über die Vereinskasse Schwarzgelder gewaschen hatte. Man lachte anerkennend über seine Verdienste als Gangster, von denen der Verein unzweifelhaft profitiert hatte. Warum denn auch nicht? Der Protest der Spieler über die Verhaftung ihres Chefs lag ganz auf der Linie der Fans. Wer noch liebte, dachte ich, würde nie zugeben, daß er selbst der Angeschmierte war.

In der Dämmerung jagte der Zug dahin, und ich erkannte das Zwielicht als den Raum, in dem Geschwindigkeit, die nirgendwohin bringt, und Kindertraum, dem man blindlings folgt und der doch niemals real wird, verschmelzen. Wir waren Skulpturen. Von fremden Hirnen ersonnene Katechismen in unsere Haut geschnitten. Jäh überfiel mich Erleichterung darüber, daß ich meine Erzählung verloren hatte.

Es war schon dunkel, als die kleine Grenzstation vorüberflog, kaum daß ich das Schild lesen konnte. Eine Ruine, ein Geisterhaus, in dessen höhlenartigen Räumen Irrlichter zuckten. Vermutlich das Bahnhofsgebäude mit der Bar. Ein paar mehr schlecht als recht befunzelte Häuser an einer Straße, das Scheinwerferpaar eines Autos, verstreute Lichtpunkte auf Augenhöhe ließen einen Berghang vermuten, dann war wieder Nacht.

Ich dachte an den Gegenspieler des Onkels, ein lediglich hypothetischer Widerpart, dem nur ein kurzes literarisches Aufbäumen beschieden war, das Leben, das Er- und Durch- und Überlebte, seine Geschichte, hatten ihn vernichtet, der Idealist hatte keine Chance gegen die Liebes- und Kampftechnik, die Umarmungsstrategie des pragmatischen Realisten. Aber kein Mitleid mit dem Idealisten, dachte ich, das war ein von seinen Ideen und Vorstellungen Verblendeter, und wenn er die Macht hatte, wurde er zum Henker für die Zweifler an seinen Träumen. Mit der verwirklichten Utopie würde es nie etwas werden, weil nur die Utopisten sie sich ersehnten. Der Fortschritt aber war ein Spiel von Soll und Haben, und die nicht davon profitieren konnten, fielen ihm zum Opfer.

Mein Rücken begann zu schmerzen. Also machte ich mich auf die Suche nach einem bequemeren Platz und spähte in abgedunkelte Abteile, bis ich zwischen dicken Mänteln, die an Haken hingen und hinter denen sich die schlafenden Reisenden verbargen, eine Lücke entdeckte und mich hineinzwängte. Links knurrte einer, rechts stöhnte es, und von gegenüber hackte mir jemand mit einem spitzen Absatz auf das Schienbein.

Nach etwa zwei Stunden ging der Zugbegleiter durch und knipste in jedem Abteil das Licht an, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Manchen Fahrgast mußte er antippen oder sogar rütteln, dann erschien ein bleiches, zerknittertes Gesicht, oft nur zur Hälfte, eine Hand fuhr in eine Tasche und reichte die Papiere ins Ungefähre. Es war Georgia, die mir gegenübersaß. Sie hatte sich ein wenig anders zurechtgemacht. Sie trug einen Rock und ein Damenjackett und Schuhe mit hohen Absätzen. Ich konnte während der wenigen Sekunden, da ihr Gesicht aufleuchtete, nicht feststellen, was genau die Veränderung bewirkte. Sie blickte niemanden an. Aus dem sichtbaren Auge kam kein Blick. Die Pupille rollte wie eine Roulettekugel. Der Schaffner drückte ihr die Karte wieder in die steif ausgestreckte Hand. Sie schob sie zurück in die Tasche, und der Mantel fiel wieder über ihr Gesicht. Ich reichte meinen Schein und bekam ihn zurück, das Licht erlosch, die Tür ruckte zu, das rhythmische Rattern der Räder nahm das Klopfen meines Herzens unter sein Kommando, und mit jeder überfahrenen Gleisschwelle spürte ich meine Brust sich schmerzhaft weiten. Ich tastete nach der Seite und dem Bauch, doch diese Wunden rührten sich nicht mehr. Ich beugte mich vor, um aufzustehen, meine Hand, vielleicht hatte ich es darauf angelegt, berührte im Dunkeln ein Bein, knisterndes Material eines Nylonstrumpfes. Sekunden ließ ich sie auf der Schwellung des Unterschenkels liegen, aber sie wurde nicht wach, und ich ging verwirrt wieder auf den Gang hinaus und ließ das Knurren und Stöhnen und alles, was gewesen war und hätte sein können, hinter mir. Ich hatte bis Bayonne gelöst.

 

Ich konnte mich einigermaßen verständlich machen, und es gelang mir, das von Nonnen geführte Anwesen zu erreichen. Aber an der Pforte sagte man mir, es sei keine Besuchszeit, ich solle um vierzehn Uhr wiederkommen. Das Heim lag am Waldrand, und es war kalt. Der Schnee lag einen halben Meter hoch. Ich stapfte zurück ins Dorf und suchte eine Gaststätte, doch es gab keine. An der Bushaltestelle hing ein Thermometer, er zeigte minus elf Grad Celsius. Ich fand das Rathaus, und zum Glück war die Tür zum Eingangsbereich – ein Euphemismus, dazu Foyer zu sagen – geöffnet, und ich hockte mich auf die Stufen der Treppe zum ersten Stock. Plötzlich mußte ich dringend aufs Klo, und ich stieg die Treppe hinauf und fand eines. Ich ging hinein und erleichterte mich und blieb sitzen, denn hier war es wärmer als im Treppenhaus. Einmal rüttelte jemand an der Tür, und ich räusperte mich energisch, das half, und es wurde wieder still im Haus. Ich dachte an den Zug, der nach Norden raste, nach Paris, und von dort gab es sicher eine bequeme Verbindung nach Berlin, wo sie sich in aller Ruhe überlegen konnte, was sie machen würde, ein Buch schreiben oder nicht, am besten einen Roman, das wäre unverfänglicher, sie würde ein paar Figuren zur gefälligen Rundung des Ganzen hinzuerfinden und ein paar andere, die ihr gefährlich werden konnten oder die wie Sternschnuppen ihr nur auf einem Bruchteil ihrer Bahn wahrnehmbar geworden waren, weglassen, oder sie würde nichts tun oder ihrem Vater ein paar Fragen stellen oder auf den Friedhof gehen und auf sein Grab spucken oder eine Kerze darauf anzünden, und sie würde ihrem Freund oder Ehemann alles erzählen, was sie ihm zumuten wollte, oder sie würde sich von ihm trennen, nicht jetzt gleich, aber in ein paar Jahren, oder sie würde erkennen, daß sie erheblich suizidgefährdet sei, und sich in Behandlung begeben und Medikamente schlucken, oder sie würde alles einfach vergessen und ein normales Leben führen – ungefähr so wie Raoul.

Um vierzehn Uhr öffnete sich auf mein erneutes Begehr hin das Tor. Mein Name wurde in eine Liste eingetragen und mein Anspruch, eine Insassin des Heims besuchen zu dürfen, nachdem ich mich ausgewiesen hatte, zugegeben. Eine ältere Nonne führte mich durchs Haus und zeigte mir die hohen, hellen Räume, darin die Beweglichen, die körperlich und geistig Rüstigen sich den Tag über aufhalten durften. Wir stellten uns an eines der großen Fenster. Das vom Schnee verstärkte Licht des frühen Nachmittags fiel herein, und ich betrachtete die Gesichter, in deren Ausdruck Neugier und Gleichmut wechselten wie die Stärke des Lichts, wenn Wolken über den Himmel ziehen.

Einmal trat eine Frau, deren Alter ich unmöglich hätte schätzen können, an mich heran und berührte meine Hand, als handele es sich dabei um ein hier fremdes oder ungebräuchliches Instrument. Sie lachte, als ich sie gewähren ließ. Es war ein freudloses, tatsächlich blödes Lachen. Nicht einmal kindliches Staunen oder Lust am Unbekannten ließen sich darin entdecken, und die in dem Augenblick, da sie auf mich zutrat, aufschießende Angst, sie sei Inés, zerstob und machte Widerwillen Platz.

Offenbar ging es der Nonne darum, mir genügend Zeit und Anschauung zur Annäherung an einen Umstand oder Zustand zu lassen, von dem sie annahm, daß ich ihn mir nur schwer vorzustellen vermochte. Da ich meine Schwester hier bei den Umgänglicheren nicht entdecken konnte, wappnete ich mich auch, als mich die Begleiterin aufforderte, ihr weiterzufolgen. Zuerst zeigte sie mir aber noch den Speisesaal, der, makellos, blitzblank, gerade eben wieder gesäubert worden sein mußte, und auch in die Küche, alles tadellos, ließ sie mich einen Blick werfen. Sogar eine kleine Bibliothek besaß man – ausgewählte französische Klassiker, ein paar Bilderbücher, Religiöses.

„Ach, man liest sogar“, lobte ich mit falschem Zungenschlag und fand mich gleich zynisch, aber das war nur mein Schutzschild. Die Schwester antwortete ohnehin nur mit einem Lächeln. Dann ging es einen Flur entlang. Die Zimmertüren hatten Gucklöcher. Am Ende des Gangs stand eine Tür offen. Aus dem Raum trat eine andere Nonne heraus – vielleicht weil sie uns kommen hörte –, näherte sich lautlos meiner Begleiterin, neigte den Mund an ihr Ohr und flüsterte etwas hinein. Die Botschafterin blickte streng. Die Empfängerin blieb beim unbestimmten Lächeln. Sie winkte mir, und während die zweite Nonne an der Türe stehenblieb, betraten wir den Raum.

Auch hier ein hohes Fenster mit Blick auf den verschneiten Wald. Ein ausgesucht schöner, großer, hoher Raum mit wenig Mobiliar. Rechts vom Fenster eine Kommode, ein Schrank, ein kleiner Tisch, zwei Stühle, ein Waschbecken im Eck, und links das Bett, sehr viel Weißzeug, schön gerichtet und straff gezogen. Für hoffnungsvolle Sekunden glaubte ich, es sei leer, und gleich werde Inés, etwa von der Toilette kommend, das Zimmer betreten, vielleicht humpelnd, weil sie ein böses Bein hatte, und deshalb, des eigenwilligen Magens wegen, das Flüstern der gestrengen Schwester, „das Mittagessen ist ihr nicht bekommen, ihre Verdauung ist gestört“, worauf die gute, im Rang zweifellos höher stehende Nonne nur mildes Vergeben signalisierte, „nicht jeder verträgt alle Tage unseren Hirsebrei“.

Da, nähertretend, ein dunkles Gekräusel auf der Schnittlinie von Bettdecke und Kopfkissen und, noch näher, ein Stück bleiche Haut, die Stirn, eine Nase, daneben geschlossene blaue Lider, darunter ein gepreßter Strich. Als hätte ich den Atem angehalten, entwich mir ein tiefer Seufzer, ein erlöstes Ausatmen, das war nicht Inés, und ärgerlich schüttelte ich den Kopf.

„Ein Irrtum, Schwester“, und wandte mich zur Tür, doch vorwurfsvoll der Blick der Wächterin.

„Sie erkennen sie nur nicht“, sagte die Begleiterin nachsichtig. „Bedenken Sie, wann Sie Ihre Schwester zuletzt gesehen haben.“

 

Später saß ich auf der Bettkante und berührte mit der Hand Inés’ Wange. Die Wächterin hatte sich einen Stuhl an die Tür gestellt und saß dort steif und mißbilligend. Als ich sie fragte, ob Inés manchmal etwas von sich gäbe, zog sie ein Gebetbuch aus der Schürze und murmelte frommen Zauber.

Die Besuchszeit endete um vier. Der letzte Bus im Ort ging kurz nach fünf. Inés rührte sich nicht, außer daß sich manchmal ihr Mund sacht öffnete, um auszuatmen. Aber das geschah nicht regelmäßig, und ich fragte mich, ob diese Abwechslung von inneren wechselnden Zuständen, etwa von Träumen oder anderen Gehirnaktivitäten, abhing oder ob der Vorgang rein vegetativer Natur war.

Allmählich, je länger ich sie ansah, meinte ich vertraute Gesichtszüge wieder zu entdecken. Es war aber auch möglich, daß ich mir das nur einbildete. Objektiv betrachtet war es ein glattes, bleiches, unberührtes Gesicht, alterslos, alle Spuren des Lebens waren darin gelöscht, und es war nichts Neues hineingeschrieben worden. Aber was schmerzte mehr, ein angestrengter Ausdruck, als hätte sie intensiv gelebt, eine Art Alkoholikerinnengesicht, durchzogen von tief gekerbten Zügen, Augenfassungen wie Brillengläser mit zehn Dioptrien, die Augäpfel wäßrig gelb, blut- und eitergesprenkelt, dazu beulenförmig gewölbte Wangenpolster und eine Sprache, die nichts als ihrer Debilität mit rätselhaften Wort- und Satzkonstruktionen sinnlosen Gehalt zu geben vermochte? Oder diese vollkommene Leere? Wann hatte sie sich zurückgezogen und aufgehört wahrzunehmen. Sicher gab es Krankenakten. Wie aß und trank sie und entledigte sich ihrer Notdurft? Mußte sie, um gefüttert zu werden, nicht wach sein? Warum hing sie nicht am Tropf? Wie nannte sich ihr Zustand? Gab es qualifizierte Ärzte, die dieses Haus regelmäßig besuchten? Warum hatte es keine Nachricht gegeben, als sich dieses Unbefinden manifestierte?

Die Zeit verstrich. Ich faßte mich wieder und ließ die Fragen ruhen, indem ich mich mit einer Art Gelübde überlistete: „Inés, wenn du die Augen aufschlägst, bleibe ich hier, nehme mir ein Zimmer, drunten im Ort, und besuche dich jeden Tag, vielleicht kann ich sogar irgendwann, wenn die Nonnen sehen, daß ich es ernst meine, hier im Haus, in deiner unmittelbaren Nähe wohnen, und vielleicht wird es dir dadurch besser gehen, vielleicht schaffe ich es so, dich hier eines Tages herauszuholen, du wirst wieder gesund, wir werden miteinander reden können, über Großmutter da Silva und Tante Carmela, über unsere Eltern, weißt du eigentlich, daß Vater tot ist, und über Maria, die wir erschossen haben, gemeinsam, aber du mußt zugeben, daß es deine Idee war, ich habe mitgemacht, das stimmt, und den ersten Schuß habe ich auch abgegeben, irgendwie warst du immer schon seltsam, ich habe nie verstanden, was in dir vorging, vielleicht hast du dich in dieser Idee und ihrer Tat verwirklicht, es klingt furchtbar, aber du solltest wissen, daß ich das heute ganz anders sehe, ich kann mir sogar vorstellen, daß wir die richtige erwischt haben, dieses Luder mit seinen erbärmlichen Liebhabern, besaß sie nicht die Schlüssel für das ganze Haus?, wer Ignacio und Mercedes beseitigen wollte, hatte den Mörder nur in eine Soldatenuniform zu stecken und dafür zu sorgen, daß er sich im Park an Maria heranmachte, bei der kam doch jeder einmal dran, danach ging sie mit uns ins Kino, und weißt du, was ich bis heute nicht verstehe?, daß sich danach niemand mehr um die Aufklärung des Falles gekümmert hat, und Vater nahm, was er wußte, mit ins Grab, ich habe es nie gesehen, als er starb, war ich zu weit fort, ich werde es wohl nie besuchen, du kannst dir denken, warum.“

Die Schatten des sich rasch verdunkelnden Himmels kämpften eine Weile mit dem unirdischen Leuchten des Schnees. Inés’ Gesicht verschmolz mit dem Bettzeug, und nur die Strähnen ihres dunklen Haares blieben sichtbar.

 

Als ich an der Bushaltestelle wartete und die Füße aufstampfte, damit sie mir nicht am Boden festfroren, wichen Spannung und Furcht aus mir. Was hätte ich getan, wenn sie mich tatsächlich angesehen hätte? Dennoch wunderte ich mich, daß ich nicht weinte. Im Bus begann ich zu singen. Ich saß ganz hinten auf der Bank. Ich war der einzige Fahrgast. Das gleichmäßige Brummen des Diesels erinnerte mich an Gregorianische Gesänge, wie ich sie mir manchmal von Schallplatten angehört hatte, wenn ich etwas niederschrieb, das für niemanden bestimmt war.

 

  

                       

 

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