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Die Socken des Nobelpreisträgers

stories novels

ISBN 978-3-9811613-4-2     256 Seiten     Euro 16,95

 

 

Leseprobe, Seite 171:

 

Wiedersehen mit einer Unbekannten

 

Es war ein Tag, der sich nicht entscheiden konnte, heiter oder trüb, angenehm oder frisch. Ständig wechselte das Licht. Kühler Wind kam auf und flaute wieder ab. Die Menschen, die auf der Straße waren, wußten nicht, ob sie ablegen oder sich zuknöpfen sollten. Spaziergänger waren verführt, an Ecken und Plätzen einen bedächtigen Rundblick zu wagen oder ein Schwätzchen zu halten. Flaneure bestanden darauf, ihren Kaffee im Freien einzunehmen. Doch jäh fegten eiskalte Böen die steinernen Schluchten entlang, überraschten die Vorwitzigen, die sich unbedacht entblößt hatten, und hauchten ihnen Frostküsse auf Haut und Lippen.

Die Frau trug einen Mantel mit Pelzkragen. Sie stand auf der anderen Straßenseite und wedelte mit einer Zeitung in der Luft. Unmittelbar hinter ihr befand sich der Kiosk, an dem ich mir selber gerne eine Zeitung kaufte, wenn ich in der Stadt war. Dabei spielte es selten eine Rolle, welche Marke, nein, so sagte man nicht, Sorte? Auch nicht. Fabrikat nicht und nicht Modell. Ich wußte es nicht oder nicht mehr, ich war zu lange weggewesen oder noch nicht lange genug hier. Jedenfalls kaufte ich für gewöhnlich, bevor ich wieder nach Hause ging, irgendeine. Es ging um ein Ritual, einen Brauch, eine alte Sitte, ach, ich weiß nicht. Eine Erinnerung, ja, ich glaube, das war es.

Sie winkte jetzt, eindeutig, denn es waren, soweit ich feststellen konnte, keine Fliegen in der Luft, wie ich es gewohnt war und nicht vergessen konnte. Ich drehte mich taktvoll um, denn irgend jemand wollte sie offensichtlich nicht bemerken. Da standen wirklich ein paar alte Kerle in meiner Nähe herum, aber sie wirkten genauso, wie ich mir vorkam, als unbeteiligte Zeugen einer alltäglichen, vielleicht noch amüsanter werdenden Straßenszene. Einer von ihnen, das stand fest, kapierte nicht, daß er gemeint war.

Andererseits war diese Frau, jedenfalls für meinen, allerdings nicht maßgeblichen Geschmack, zu schrill gekleidet und alles andere als unauffällig. So oder so sollte ich mich hüten, vorschnell zu urteilen. Was, wenn es dem bewußten Kerl einfach unangenehm war, daß sie etwas von ihm wollte? Fast schämte ich mich, daß ich sie, die mir doch gleichgültig sein sollte, taxierte, und zwar nur meiner schweifenden Gedanken wegen, etwa ob sich hinter der doch, trotz der Farben und Accessoires, immerhin bürgerlichen Fassade ein Hurenleben tarnte. Ja, das ging ziemlich schnell, daß man einen Menschen in einen Topf hineintat, ihm ein Etikett anhängte, ihm einen ... ja, sprich es ruhig aus ... einen Stern an seine Brust heftete. Dreh dich weg, sagte ich mir, geh deiner Wege, verzichte heute auf die Blätter, die dir doch nichts wirklich Neues mehr zu erzählen vermögen.

Neugierde, eine Eigenschaft, die zwar keinem Menschen fremd ist und der die Menschheit vielleicht ihre Entwicklung verdankt, kann jedoch leicht ausarten. Schmal der Saum, an den rechts Ignoranz oder Furcht vor der Verantwortung und links Schaulust, wenn nicht Häme grenzt.

In diesem Fall aber, bildete ich mir ein, bestünde kaum Gefahr, daß ich jemanden verletzen könnte, wenn ich bliebe, und schließlich wäre ich längst eingegangen, würde ich mich nicht für all diesen Unsinn interessieren, der den Leuten Dampf unterm Hintern machte, sie bewegte und in Fahrt hielt, damit sie das große schwarze Loch vergaßen, in dem sie zuletzt allesamt verschwinden mußten.

Offensichtlich hatte die Frau, die vielleicht eine Dame, vielleicht eine Hure war, inzwischen die Nase voll von der Blödheit, womöglich auch Kurzsichtigkeit ihres Bekannten – oder ihres Opfers –, denn sie schickte sich an, die Straße zu überqueren. Schlendernd trat ich ein paar Schritte zur Seite, ein Spaziergänger, der kein bestimmtes Ziel kennt, lediglich der Kurzweil und Erholung wegen unterwegs ist. In Wahrheit war ich sehr gespannt auf den Gesichtsausdruck des Burschen, der in wenigen Augenblicken von der nun fregattengleich über die Fahrbahnen Brausenden zur Rede gestellt würde. Derweil stellte ich eine Schätzung an. Da ich selbst völlig ohne Alter bin, paßte sie, ginge es allein danach, sogar zu mir – wie übrigens jede andere auch. Machte ich die Probe bei den ringsum gleich mir verhalten grinsenden Flaneuren, würde ich mich für einen Kerl in mittleren Jahren entscheiden, als dessen, anderweitiger Interessen und Aktivitäten wegen, Abgelegte man sie sich durchaus vorstellen konnte. Tatsächlich schien ihm gerade etwas Furchterregendes  aufzugehen, denn seine Züge entfalteten sich auf eine Weise, die von außerordentlichem innerem Unbehagen kündete – und schon setzte er sich rückwärts in Bewegung. Unwillkürlich lächelte ich breiter.

Ich fragte mich, ob er, der einigermaßen gesund aussah, sie deshalb vorher nicht bemerken konnte, weil er mit ihr keinesfalls an diesem Ort, womöglich auch in dieser Zeit, gerechnet hätte. Eine längst Verflossene oder Totgeglaubte oder eine, die seinetwegen schon lange der Teufel hätte holen müssen, die er aus seinem Gedächtnis gestrichen, weil sie ihn mit allen Vizedirektoren von United Frust betrogen, die seine sieben Kinder aufgefressen, die ihm im Schwimmbad, wo er sie mit diesem debilen Bademeister unter nichts als einem durchsichtigen Seidenschal angetroffen, höhnisch "ich habe dich nie geliebt" nachgeworfen, die sein Vermögen mit Woody Allen durchgebracht, die er daraufhin höchstpersönlich den Niagara, kanadische Seite, hinabgestoßen hatte. Ein solcher Un-Mensch konnte ihm unmöglich hier in dieser kleinkarierten südlichen Stadt eines mittelmäßigen Landes, das von den sentimentalen Nachfahren eines hochfahrenden Heldenschlags bevölkert wurde, über die Leber laufen.

Sicher sah ich seine Geschichte um einiges zu schwarz. Es konnte sich ja auch lediglich um das von Wiedersehensfreude gesättigte Vorgefühl handeln, das ihn schreckte. Wie herrlich, daß irgend jemand ihn erkannte! Wiedererkannt zu werden, ist ein menschliches Grundbedürfnis und läßt das traurige Individuum für eine Weile seine Bedeutungslosigkeit vergessen. Selbst noch, wenn man nur verwechselt wird, gar mit einem Prominenten, ergibt sich daraus ein Gewinn, denn man darf dann doch immerhin bemerken, daß einem etwas eignet, das anderen positiv angerechnet wird, woraus sich ergibt, daß man selbst, der man sich zuweilen als Null erkennt, der Welt, wenngleich sie sich täuscht, als Pluspunkt gelten könnte.

Die Frau hatte nun fast meine Höhe erreicht, und ich senkte den Blick, um ihr nicht das Gefühl zu geben, sie stünde auf einer Bühne und sämtliche ihrer Bewegungen würden penibel registriert. Allerdings hatte ich gerade noch, sozusagen aus Augenwinkeln, mitbekommen, daß der von mir in die engere Wahl gezogene mittelalte Tagedieb seinen Rückzug, oder sollte man es Flucht nennen, unterbrochen hatte, als erschiene es ihm nun doch erwägenswert, sich dem weiteren Geschehen zu ergeben. Es hatte ja auch in der Tat keinen Sinn, die eigene Geschichte zu verleugnen. Man sollte sich ihr letztlich stellen und vielleicht herauszufinden versuchen, welcher Art die Kräfte waren, die uns wie ein bösartiger Oberlehrer an den Ohren hielten und nach Zentrifugenart über unsere Lebensbahn sausen ließen.

"Bist du eigentlich blind oder bloß verblödet?" sagte die Frau. Sie sagte es mit Nachdruck, einem durchaus boshaften Impetus.

Sie war, ich erwähnte es, nicht weit von mir, um genau zu sein, circa zwei und einen halben Schritt, stehengeblieben. Ich hob vorsichtig die Augen, um diskret die peinliche Szene, die unvermeidlich folgen mußte, zu studieren.

"Leidest du bereits unter seniler Verkalkung?"

Kurioserweise fixierte sie, während sie so volkstümlich redete, mich. Ein durchsichtiger, dennoch meist wirksamer Trick. Der tatsächlich Gemeinte stand derweil arglos daneben, vielleicht feixend, weil er den aufs Korn Genommenen für das bedauernswerte Opfer halten wollte, während ja er es war, der im nächsten Augenblick zu seiner Heidenüberraschung aufgespießt werden würde. Gelang die Überrumpelung, konnte die Person, die die Attacke ritt, unmittelbar dazu übergehen, die alten Schulden einzutreiben.

"Ist es denn die Möglichkeit!" rief sie jetzt aus, und riß theatralisch den Kopf zur Seite. In wenigen Sekunden mußte die Entlarvung folgen. Wer stand doch gleich in der Verlängerung der Achse, die man, fällte man die Senkrechte auf ihre Nasenwurzel, in die Ferne ziehen konnte? Befriedigt stellte ich fest, daß meine Menschenkenntnis immer noch, wenn auch unbedeutende Früchte trug: Es war der bewußte Strolch mittleren Alters, der gleich sein Fett weg bekommen würde. Doch sofort keimte auch Anteilnahme in mir auf. Entsetzt würde jener zur Kenntnis nehmen müssen, daß am Fuße des gewaltigen Wasserfalles, inmitten des gischtenden Infernos, ein bis zur Heldenhaftigkeit nativer dem Fischfang nachgehender Ureinwohner sie aus dem reißenden Strome gezogen und danach in seinem Wigwam mit Hilfe Manitus und vom Aussterben bedrohter Kräuter dem Leben zurückgegeben hatte. Fieberhaft ersann er eben jetzt eine Ausrede, danach er sie nicht gestoßen hätte, sondern über eine Luftwurzel gestolpert sei, weswegen er ihr diesen fatalen Tritt mitgegeben habe, im übrigen sei der Alkohol zu bedenken, dem sie beide zuvor an einem Kiosk in Form von verlängerten Mixgetränken ausgiebigst zugesprochen ...

"Du steckst mit deinem Spleen wohl immer noch im vorvorigen Jahrhundert!"

Dies war nun in der Tat eine seltsame, an sich absolut unverständliche Bemerkung. Abgesehen davon, worauf sie zielte – ein Vorwurf, den ich schon immer ziemlich unangemessen gefunden hatte –, glaubte ich zu wissen, was dahinter steckte. Nicht zuletzt, weil mich selbst vor Äonen irgendeine Dunkelperson mit hanebüchenem Unsinn ähnlichen Ranges auf das Plumpste traktiert hatte. Wurde doch mit dergleichen nichts weniger ausgedrückt, als daß zwischen der, die sich nicht entblödete, diesen Anwurf auszuspeien, und jenem, dem er ins Antlitz klatschen sollte, eine nicht unbedeutende intellektuelle Spalte klaffte.

Ihr Kopf pendelte zurück, und ich nahm mich in die Pflicht, dieses Antlitz, auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, nun einmal etwas eingehender zu studieren. Die Züge, so wie sie sich darstellten oder, exakter ausgedrückt, durch allerlei Hilfsmittel unterstützt wurden, verliefen ganz angenehm, weckten keinerlei Abneigung, verhalfen im Gegenteil zu einem Empfinden, das als durchaus gehoben oder sogar festlich bezeichnet werden konnte. Eine schöne gerade Stirn, zwei anmutig gefärbte und sacht gewölbte Wangen, ein nicht zu großes Kinn rahmten den inneren Verbund von Augenpartie, Nase und Mund, die sich gerade im richtigen Verhältnis zueinander befanden. Die Augen selber zeichneten sich aus durch ihre Lage zueinander, die nämlich nicht, so man sie über die Nasenvertikale spiegelte, auf einer Waagrechten sich wiederfand, sondern in einem Winkel dazu, weshalb man platterdings von schräg stehenden oder auch Katzenaugen sprach. Die Nase war so beschaffen, daß man sie übersehen konnte, welches für sie einnahm. Die Lippen dagegen, die sich soeben wieder öffneten, trugen durch augenfällige Form, Farbe und geschmeidige Beweglichkeit mit am meisten zur Unterhaltung des Betrachters bei.

"Louis", formten die purpurn Angemalten, welches nun einmal ihr Part war, während die weiteren Beteiligten an diesem nur dem Simpel banal erscheinenden, in Wahrheit hochkomplexen Vorgang, um es der Vollständigkeit halber einmal zu rekapitulieren, Stimmbänder, Mund-, Nasen- und Nebenhöhlen, Zunge, deren feuchte rosa Spitze kurz mit dem s von Louis ans Licht gezuckt war, und nicht zuletzt die für Artikulation, Modulation und Linguistisches verantwortlichen zerebralen Bezirke waren.

Louis also. Gehörte dieser männliche Vorname nicht zum Kreise jener, auf die ich oder meine geistigen Kinder, was im Grunde auf dasselbe hinauskam, im Laufe meines Lebens einmal hörte? Louis. Das mahnte mich fraglos an wundersam Vergangenes, um nicht zu sagen Verschollenes, gar Verlorenes. Unversehens wehte mich eine gedämpfte Trauer an. Unzweifelhaft ausgelöst von diesem fremden, indessen, wie angedeutet, außergewöhnlich schönen Mund.

Ja, fremd blieb mir diese Erscheinung, so sehr ich mich nun doch grübelnd bemühte, da sich meiner ein absonderlicher Verdacht bemächtigt hatte.

Und wieder: "Louis?" Fragend diesmal, wie enttäuscht, daß nichts ihr entgegenkam, nichts reagierte, keine Resonanz auf ihre Anstrengung erfolgte. Sie dauerte mich, wie ich mich inzwischen selbst bedauerte, weil ich mich außerstande sah, diesem in einem zwiefach einzigartigen Impuls, dem des Erkennen- wie Erkanntwerdenwollens, versammelten Menschen den Arm zu reichen. So geschah es, daß ich etwas tat, das man verwerflich finden kann, ja vielleicht muß, wenn man den Strauß von möglichen Erklärungen und Entschuldigungen, den ich in der Hand hielt, übersehen wollte. Ich gab der Fragenden eine Antwort, die nur aus einem Wort bestand und die, obwohl ich sie als Frage intonierte, leider mißverständlich war.

"Ja?" sagte ich.

Noch einmal drehte ich den Hals nach den herumlungernden Ehrenmännern, denen ich wohl mit einem einzigen Mißton aus unbeherrschter Kehle aus der Bredouille geholfen hatte. Alle trugen ein identisches Mienenspiel zur Schau. Auffallend, wie die unteren Hälften ihrer Gesichter breit geworden waren, als hätte man die Köpfe unvermittelt stark gestaucht und die Backen-/Kinnpartie so rasch der Attacke nicht entkommen können. Auch an Bildberichte über Testpersonen, die in Raketenschleudern an höhere Beschleunigungen gewöhnt werden müssen, erinnerten ihre aus den Fugen gegangenen Visagen.

Mit Betrachtungen solcherart war es aus, als sich überraschend selbstbewußte Arme um meinen Nacken warfen und in der unmittelbaren Folge ein erstaunlich schmiegsamer Körper sich an den meinen drängte. Erneut wandte ich gegen die Unbekannte mein Gesicht, welches sofort mit Küssen aufdringlichster Art gestreuselt wurde. Die bereits gewürdigten Partien bewiesen diesen intimen Gesten gegenüber Empfängnisbereitschaft, mehr noch, als lichtschneller Umschlagplatz für Sinnesreize, die ich schon lange nur noch in schäbigen Inszenierungen einschlägig angestellter Literaten oder Filmkünstler recht und schlecht wie aufgehoben oder abgeblendet fand. Es schien jedoch, mitten auf diesem inzwischen wieder zugigen Platz, in dieser kleinkarierten südlichen Stadt eines mittelmäßigen Landes, das von den sentimentalen Nachfahren eines hochfahrenden Heldenschlags bevölkert wurde, eine Retrospektive der eigenen bekömmlichsten wie abartigsten Empfindungen möglich. Als spulte sich, wie bei einem unglücklich und gewaltsam Sterbenden, eine Szenenfolge der wichtigsten Ereignisse des Lebens vor dem inneren Auge ab. Bei mir nun nicht durch Gewalt, sondern durch Zärtlichkeiten hervorgerufen, diese unerwartete Umarmung, diese wahrlich würzigen Baissers und nun auch stammelnden Beteuerungen, die sich mit den Küssen als Organe der Äußerung den Mund und die Lippen teilten, Versicherungen wie "immer du", "ach ich Dumme", "oh mein Herz", "wie sehnlichst" und, ominöseste Vektive, "nimmermehr ohne dich".

 

 

  

                       

 

 © Bernhard Luipold Literatur Verlag